2.3 Alkoholismus und Gesellschaft

Eine ganze Badewanne voller Alkohol

Cover des Suchtberichtes für 2018 von der DHS

Im aktuellen Jahrbuch der „Deutschen Hauptstelle für Suchtgefahren e.V.“  (DHS) wird erstmals auf eine verbesserte Ermittlung des Gesamtverbrauches an Trinkalkohol in Deutschland zurückgegriffen. Im Jahr 2015 betrug der Alkoholkonsum 10,7 Liter Reinalkohol pro Bundesbürgerin oder -bürger im Lebensalter ab 15 Jahren. Der Gesamtverbrauch an alkoholischen Getränken sank im Jahr 2016 gegenüber dem Vorjahr um 1,25 % auf 133,8 Liter pro Kopf der Bevölkerung, was in etwa der Füllung einer Badewanne gleichkommt. Auf den gesamten Alkoholkonsum, gemessen in Reinalkohol pro Kopf, entfallen 5,0 Liter auf Bier, 2,3 Liter auf Wein, 1,8 Liter auf Spirituosen
und 0,4 Liter auf Schaumwein.

Keine Entwarnung

Trotz eines geringen Konsumrückgangs kann keine Entwarnung gegeben werden. Wie die Ergebnisse repräsentativer Umfragen und Hochrechnungen des Statistischen Bundesamtes
zeigen, sind insgesamt 3,38 Mio. Erwachsene in Deutschland von einer alkoholbezogenen Störung in den letzten zwölf Monaten betroffen (Missbrauch: 1,61 Mio.; Abhängigkeit: 1,77
Mio.) 74.000 Todesfälle werden jährlich durch Alkoholkonsum oder den kombinierten Konsum von Tabak und Alkohol verursacht.

Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene

Die Zahlen der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die in 2016 aufgrund eines akuten Alkoholmissbrauchs in Krankenhäusern stationär behandelt wurden, bleibt weiterhin
hoch: Mit 22.309 Patienten zwischen 10 und 20 Jahren ist die Zahl sogar um 1,8 % zum Vorjahreswert gestiegen. Im Vergleich zur Behandlungszahl des Jahres 2000 (ca. 9.500 Behandlungsfälle) entspricht dies einer Steigerung von 134,5 %.

Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol

Mit 322.608 Behandlungsfällen wurde im Jahr 2016 die Diagnose „Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol (F 10)“ als zweithäufigste Hauptdiagnose in Krankenhäusern gestellt. Bei Männern war dies die häufigste Hauptdiagnose in Krankenhäusern (234.785 Behandlungsfälle).

Direkte und indirekte Kosten

Eine aktuelle Untersuchung beziffert die direkten und indirekten Kosten des Alkoholkonsums in Deutschland auf rund 40 Mrd. Euro. Dem stehen Einnahmen des Staates aus alkoholbezogenen Steuern von nur 3,165 Mrd. Euro (2016) gegenüber. Die Ausgaben für Alkoholwerbung in TV, Rundfunk, auf Plakaten und in der Presse belaufen sich 2016 auf 557 Mio. Euro, ungeachtet der Ausgaben für Sponsoring und Werbung im Internet.

 

Drogen- und Suchtbericht 2016

Klicke, um auf Drogenbericht_2016_web.pdf zuzugreifen

 

S3-Leitlinie “Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen”

AWMF-Register Nr. 076-001 / (Stand: 22.04.2015)

 

In der Einleitung heißt es.:

„… So wurde kürzlich in der renommierten Zeitschrift „The Lancet“ nachgewiesen, dass regelmäßiger Alkoholkonsum zu den wichtigsten Gesundheitsrisiken gehört (Lim et al. 2012). Die „Global Burden of Disease Study“ der Weltgesundheitsorganisation ermittelte für 2010 die Hauptrisiken für die Entstehung von Krankheiten: danach nimmt in Deutschland der Alkoholkonsum bei Männern den fünften Platz ein (Plass et al. 2014). Wir gehören diesbezüglich zu den führenden Nationen weltweit, denn Alkohol- und Tabakkonsum zusammen bedingen hierzulande 20% des Risikos für die Gesamtheit aller Erkrankungen (Männer). Da wirksame verhältnispräventive Maßnahmen, wie zum Beispiel eine Erhöhung der Alkoholsteuer oder ein konsequentes Werbeverbot, anders als in anderen europäischen Ländern hierzulande nicht umgesetzt werden (Adams & Effertz 2011), ist auch in Zukunft mit einem erheblichen Beitrag des Alkoholkonsums für die globale Krankheitslast in unserem Lande zu rechnen.

In Deutschland gibt es ca. 1,9 Millionen Alkoholabhängige und rund 1,6 Millionen Menschen mit „schädlichem Gebrauch“ von Alkohol (Pabst et al. 2013). Täglich sind rund 200

Todesfälle durch zu hohen Alkoholkonsum zu beklagen, jährlich liegt die Zahl bei 74.000 (Gärtner et al. 2013).

Die Kosten mit mindestens 30 Milliarden Euro pro Jahr liegen auch im europäischen Vergleich an der Spitze aller durch psychische Störungen verursachten Kosten (Effertz & Mann 2013). Die alkoholbedingten Folgekrankheiten sind durch vielfache Studien belegt (Singer, Batra & Mann 2011). Praktisch alle Organsysteme werden betroffen, wobei viele neue Befunde die kanzerogene Wirkung des Alkohols belegen (Seitz & Müller 2011).

Während der „schädliche Gebrauch“ bislang kaum Anlass für Beratung oder Behandlung war, wird den Abhängigen traditionell eine Therapie mit körperlicher Entgiftung, qualifizierter Entzugsbehandlung und medizinischer Rehabilitation angeboten. Dabei ist die lebenslange Abstinenz von Alkohol das allgemein anerkannte Therapieziel.

Allerdings werden die Rehabilitationsbehandlungen nur von 3-4% der Alkoholabhängigen (ca. 35.000) pro Jahr in Anspruch genommen (Wienberg 2002): In den suchtmedizinischen Abteilungen der Psychiatrischen Kliniken werden etwa 200.000 „Fälle“ mit Alkoholdiagnose pro Jahr behandelt. Dagegen finden sich in den somatischen Abteilungen der Krankenhäuser rund 1,6 Millionen Patienten mit einer ihren Beschwerden zugrunde liegenden Alkoholproblematik (Günthner et al., Kapitel 4 der Leitlinie). Der niedergelassene Arzt sieht pro Jahr etwa 70-80% der Betroffenen, in der Regel allerdings mit einer sehr breit gefächerten Symptomatik (Wienberg 2002). In Klinik und Praxis wird die ursächliche Suchterkrankung leider oft übersehen oder nicht adäquat behandelt.“

(Hervorhebungen von mir. wak)

http://www.dg-sucht.de/s3-leitlinien/

 

 

Alkohol(ismus) als Wirtschaftsfaktor

 

alkwf

http://www.dhs.de/fileadmin/user_upload/pdf/Broschueren/Basisinfo_Alkohol.pdf